23.06.2017

Niemand muss leiden

Gynäkologen und Physiotherapeuten des Vinzenzkrankenhauses Hannover setzen bei Harninkontinenz auf qualifiziertes Beckenbodentraining

Harninkontinenz ist nach wie vor ein Tabuthema und wird von vielen still ertragen – trotz der großen Zahl von Betroffenen, immerhin allein in Deutschland rund sechs Millionen Männer und Frauen. „Dabei muss sich niemand, egal ob jung oder alt, verstecken. Es gibt eine Reihe gut wirksamer Therapien“, betont Dr. med. Mirja Wüster, Oberärztin des Vinzenzkrankenhauses Hannover und Fachärztin der Gynäkologie und Geburtshilfe mit Schwerpunkt Urogynäkologie.       „Niemand sollte sich scheuen, den Arzt aufzusuchen.“

Die Ursachen für eine Harninkontinenz, auch weitläufig bekannt als Blasenschwäche, sind vielfältig und betreffen nicht nur die ältere Generation. Auch junge Frauen können bereits darunter leiden, allerdings steigt das Risiko mit zunehmendem Alter. Glücklicherweise liegt die Ursache weniger im Bereich bösartiger Erkrankungen wie beispielsweise einem Tumor, sondern vielmehr in der Anatomie der Frau: Die Stütz- und Haltefunktion des weiblichen Beckenbodens ist sehr viel stärker beansprucht aufgrund des breiteren Beckens als bei Männern. Damit sich die Gebärmutter während der Schwangerschaft ausdehnen kann, hat sie nach oben hin Spielraum und wird von unten nur durch die Beckenbodenmuskulatur gehalten. Diese stützt auch den Blasenschließmuskel. Geburten, Übergewicht, hormonelle Schwankungen oder körperliche Belastungen können den Beckenboden auf Dauer schwächen. „Das kann zu einer Absenkung der Gebärmutter und anderer Beckenorgane wie der Scheide führen sowie den Verschlussmechanismus der Blase beeinträchtigen“, sagt Dr. Wüster. „Besonders Frauen mit einer Bindegewebsschwäche, einer chronischen Bronchitis oder Asthma können Probleme haben.“ Ihr dringender Rat: „Hören Sie mit dem Rauchen auf – das ist nicht nur Gift für die Organe, sondern auch für das Bindegewebe!“  Allerdings ist häufiges Wasserlassen nicht automatisch bereits eine Blasenschwäche: „Bis zu siebenmal innerhalb von 24 Stunden und davon auch zweimal in der Nacht ist ein Toilettengang völlig normal.“   

Wenn aber die Symptome einer Blasenschwäche vorliegen, handelt  es sich in den meisten Fällen um eine sogenannte Belastungsinkontinenz bzw. Stressinkontinenz: Bei körperlicher Anstrengung wie zum Beispiel Husten, Niesen, Lachen oder Heben von schweren Lasten sowie Treppensteigen oder sportlichen Aktivitäten kommt es zu ungewolltem Harnverlust, ohne dass die Betroffene zuvor einen Harndrang verspürt. „Im Gegensatz dazu ist bei der überaktiven Blase, der sogenannten Dranginkontinenz, die Blasenmuskulatur extrem verspannt, auch wenn der Verschlussapparat der Harnblase intakt ist“, so die Gynäkologin. „Die Betroffene verspürt bei dieser Form der Blasenschwäche einen so starken und plötzlichen Harndrang, dass sie es oft nicht mehr bis zur Toilette schafft.“   

„Egal welche Form der Harninkontinenz – ein ausführlicher Blick auf die Krankengeschichte und eine gynäkologische Untersuchung sind in jedem Fall dringend notwendig“, hebt Dr. Wüster hervor. „Ein Urintest klärt, ob sich Blut im Urin findet oder ein Infekt vorliegt.“ Darüber hinaus ist auch eine Restharnmessung mit Ultraschall wichtig: Sie klärt, ob die Blase nach dem Wasserlassen völlig entleert ist oder ob Urin darin zurückbleibt. Ein Stresstest bestimmt zudem den Schweregrad der Blasenschwäche; er überprüft, wie viel Urin bei erhöhtem Druck im Bauchraum – zum Beispiel beim Husten – abgeht. Sind weitere Untersuchungen notwendig, kann der Arzt mithilfe von Ultraschall, einer Blasenspiegelung oder Blasendruckmessung, der sogenannten Urodynamik, mehr Klarheit gewinnen.

Wunderwaffe Beckenbodentraining

„Das einfachste und wirksamste Mittel, Harninkontinenz zu minimieren, ja sogar zu verhindern, insbesondere bei der Belastungsinkontinenz, ist das Beckenbodentraining“, stellt Dr. Wüster klar. „Es ist das erste Mittel der Wahl, und selbst vor und auch nach einer Operation zwingend notwendig, denn das Training festigt den OP-Erfolg und beugt einem Rückfall vor.“ Zur qualifizierten Physiotherapie gehört nicht nur das funktionelle Training der Beckenboden- und Rumpfmuskulatur, sondern auch diverse Übungen zur Wahrnehmung des Körpers und der Atmung sowie Kenntnisse zum Toiletten- und Trinkverhalten. „Wichtig ist, dass die Betroffene um die Anatomie ihres Körpers und um die funktionellen Zusammenhänge weiß, zum Beispiel den Zusammenhang zwischen dem Mundraum und Beckenboden, sowie dem Zwerchfell und Beckenboden“, sagt Gabriele Henschel, Physiotherapeutin im Vinzenzkrankenhaus Hannover. „Wir zeigen neben unterschiedlichen Trainingsübungen auch hilfreiche Entlastungspositionen und geben alltagstaugliche Tipps zur Blasenberuhigung.“ Und die Expertin klärt hartnäckige Irrtümer auf: „Gerade wenn der Drang, die Blase zu entleeren, gegeben ist, ist eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr entscheidend, da sonst der Urin zu sauer wird und die Blase noch weiter reizt. Also trinken Sie bitte nach wie vor genügend.“

Neben dem Beckenbodentraining haben sich auch das Biofeedbacktraining und die Elektrostimulation als wirksame Therapien etabliert. Besonders gute Erfahrungen haben die Spezialisten im Vinzenzkrankenhaus Hannover darüber hinaus mit Pessaren gemacht, Hilfsmittel, die in die Scheide eingeführt werden und die Harnröhre und Blase bei Aktivität stützen. „Bei Senkungsbeschwerden haben sich insbesondere die Würfelpessare bewährt“, sagt Dr. Wüster. „Sie haben einen Rückholfaden, der die Entfernung erleichtert, und werden morgens von der Patientin selber eingeführt und am Abend entfernt, so dass sich die Scheidenhaut über Nacht erholen kann. Zudem stimulieren sie auch den Beckenboden.“

Wenn alle konservativen Therapien allerdings ausgeschöpft sind, der Harnverlust stört und der Wunsch der Betroffenen da ist, sich operieren zu lassen, dann sollte darüber offen mit dem Arzt gesprochen werden. Bei einer Belastungsinkontinenz hat sich die sogenannte Schlingen-Operation bewährt, bei der ein Kunststoffband unter die Harnröhre platziert wird und diese leicht anhebt, um die Schließmuskelfunktion zu verbessern. „Bei einer überaktiven Blase können auch Botoxspritzen in den Blasenmuskel helfen, wenn Medikamente nicht vertragen werden“, berichtet Dr. Wüster. „Die sakrale Neuromodulation, das heißt ein Blasenschrittmacher, der die Nerven im Kreuzbeinbereich stimuliert, ist das Mittel, wenn hier alle anderen Behandlungsmöglichkeiten versagen.“

Liegen eine Senkung der Gebärmutter, der Scheide oder der Blase vor, stehen verschiedene Verfahren zur Verfügung: Die Gebärmutter kann mithilfe von Bändern gehoben werden, bei Scheidensenkungen helfen unter anderem vaginale Scheidenfixierungen oder Kunststoffnetzeinlagen, und bei Blasensenkungen die sogenannte vordere Plastik, das heißt eine Scheidenraffung , vaginale Netzimplantate oder die seitliche Scheidenaufhängung per Bauchschnitt.